Die Quelle aus Quellen:

 

 

Protokoll einer geheimen Sitzung von
Michail Bakunin, Karl Marx, Friedrich Engels und James Guillaume

 

Ein ausserordentlich glücklicher Zufall hat uns ein Dokument in die Hände gespielt, dessen historische Bedeutung sich noch nicht absehen lässt. Es handelt sich dabei um ein Protokoll einer Geheimsitzung eines Spezialausschusses der Internationalen Arbeiter Assoziation, von deren Existenz bisher niemand Kenntnis genommen hat. Leider ist das Dokument nicht mit einer Datierung versehen, es lässt sich aber rekonstruieren, dass das aufgezeichnete Gespräch im Jahre 1874 stattgefunden haben muss. Die Dringlichkeit der Publikation verbot vorerst eine genauere Einordnung. Wir sind diesbezüglich auch auf Forschungsergebnisse aus anderer Hand angewiesen und erhoffen uns vom Leserkreis entsprechende Aufklärung. Das Erstaunlichste an dieser Geheimsitzung ist jedoch deren personelle Zusammensetzung. Beteiligt waren nämlich keine geringeren als die Herren Karl Marx, Friedrich Engels als Vertreter des Generalrats der Internationalen und die Herren Michail Bakunin und James Guillaume als Vertreter der Allianz der sozialistischen Demokratie. Dies machte uns natürlich sofort stutzig. Wie konnte den zahlreichen Biographen dieser Ahnen der Internationale, entgangen sein, dass diese sich 1874 (in London?) getroffen hatten? Eine genaue Durchsicht der wichtigsten biographischen Werke von Nettlau, Mehring, Cornu usw. ergab keinen Aufschluss. Auch eine Anfrage beim Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED zeitigte keine Resultate, da dort für einen Dialog mit Anarchisten kein Interesse vorhanden war.

Die Glaubwürdigkeit des Dokuments stand auf dem Spiel. Wie konnte die Authentizität dieses Treffens und des Protokolle bewiesen werden? Die bisher bekannten biographischen Quellen versagten. Auch der Protokollführer konnte nicht eruiert werden. Überlebende gibt es nicht mehr. In der Verzweiflung griff der Schreibende zu einer unorthodoxen Methode. Er setzte sich hinter die Werke der an dieser Diskussion von 1874 Beteiligten und suchte diese nach möglichen Übereinstimmungen mit dem Wortlaut des Protokolls ab. Und siehe da, er wurde fündig: alle im Protokoll enthaltenen Sätze der Diskussionsteilnehmer lassen sich wortwörtlich in deren Werkausgaben wieder finden.
Damit nun auch der Leser dies überprüfen kann, wird im Abdruck des Protokolle jeweils hinter der entsprechenden Stelle in Klammern notiert, wo der kritische Leser nachzuschlagen hat, um sich von der Echtheit des Textes zu überzeugen. Die Aussagen von Marx und Engels konnten auf diese Weise in den Bänden 17 und 18 der Marx Engels Werke (MEW), Berlin 1973 und 1976, nachgewiesen werden. Die Aussagen von Bakunin finden sich wieder in: Michael Bakunin, Gesammelte Werke, 3 Bde, Hrsg. Max Nettlau, Berlin 1921 ff. (Reprint Berlin 1975). Im dritten Band dieser Bakunin-Ausgabe sind glücklicherweise auch die Wortmeldungen Guillaumes enthalten, sodass wir hier zur Nachweiserbringung nicht auf die schwer erhältliche französische Ausgabe zurückgreifen müssen.
Nach dieser quellenkritischen Einleitung nun aber zum Inhalt selber. Ausgehend vom historischen Hintergrund des Zerwürfnisses innerhalb der Internationale, aber auch von der sachlich rekapitulierenden Art, in der das Gespräch beginnt, könnte man geneigt sein, als Zweck des geheimen Treffens einen letzten Versöhnungsversuch zu vermuten. Doch im Gesprächsverlauf zeigt sich, dass solche Erwartungen nicht zu erfüllen waren.

 

 

Bakunin: "Auf dem Genfer Friedenskongress übergab mir der alte Kommunist Philipp Becker von Seiten Marx' den ersten, bisher einzigen Band eines äusserst wichtigen, gelehrten, tiefen, obgleich sehr abstrakten Werks, 'Das Kapital'.
Damals beging ich einen ungeheuren Fehler: Ich beeilte mich nicht, ihm (Karl Marx, R.B.) zu danken und ihm für das wirklich bedeutende Werk mein Kompliment zu machen. Der alte Philipp Becker, der ihn seit lange kannte, sagte mir, als er von dieser Vergesslichkeit hörte: 'Was, Du hast ihm noch nicht geschrieben! Marx wird Dir das nie verzeihen.' - Ich glaube jedoch nicht, dass dies die Ursache der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten gewesen wäre. Es gab eine ernstere, ganz prinzipielle Ursache."

(Werke 3, S.216)

 

Marx: "Der Streit begann mit der Bildung der Allianz der sozialistischen Demokratie in Genf, die von Bakunin gegründet wurde."

(MEW 17, S.411f.)

Engels: "Die Allianz beanspruchte also gleich von ihrem Beginn an, eine Art Aristokratie inmitten unserer Assoziation (= 1. Internationale, R.B.) zu bilden, einen Elitekörper mit einem Programm für sich und mit besonderen Privilegien.(MEW 18, S. 1318) Es ist klar, dass niemand den Allianzisten zürnen würde, wenn sie Propaganda für ihr Programm betrieben hätten. Doch was die Hauptsache ist, hier sehen wir uns einer Geheimgesellschaft gegenüber, die geschaffen worden ist, nicht um Regierungen zu bekämpfen, sondern die Internationale selber."

 

 

 

 

 

 

 

(MEW 18, S. 141f.)

Bakunin: "Die Internationale und die Allianz sind keineswegs Feinde, wie die ganze Marx'sche Synagoge von London es aller Welt glauben machen will. Die Allianz ist im Gegenteil die notwendige Ergänzung der Internationale, ohne welche letztere, in eine Art ungeheuren internationalen Staat mit sehr autoritärer Regierung, mit der Diktatur von Marx umgewandelt würde."

(Werke 3, S. 106)

Engels: "Ist Organisation ohne Autorität möglich?"

(MEW 189 S.306)

Guillaume: "Wir müssen Sorge tragen, diese Organisation so viel als möglich unserem Ideal zu nähern. Wie könnte eine egalitäre und freie Gesellschaft aus einer autoritären Organisation hervorgehen? Das ist unmöglich. Die Internationale, Embryo der künftigen menschlichen Gesellschaft, ist gehalten, schon von jetzt an das treue Bild unserer Grundsätze von Freiheit und Föderation zu sein und jedes der Autorität, der Diktatur zustrebende Prinzip aus ihrer Mitte heraus zu werfen."

(in: Bakunin Ges. Werke, Bd. 3, S.169)

Marx: "Mit andern Worten, wie die Klöster des Mittelalters das Ebenbild des himmlischen Lebens repräsentierten, soll die Internationale das Ebenbild des neuen Jerusalems werden, dessen 'Keim' die Allianz in ihrem Schosse trägt. Die Pariser Föderierten hätten keine Niederlage erlitten, wenn sie begriffen hätten, dass die Kommune 'der Keim der künftigen menschlichen Gesellschaft' war, und sich jeder Disziplin und aller Waffen entledigt hätten, Dinge, die verschwinden müssen, sobald es keine Kriege mehr gibt." (MEW 18,S. 43)

Bakunin: "So sehr ich auch ein Feind dessen bin, was man in Frankreich Disziplin nennt, so anerkenne ich gleichwohl, dass eine gewisse, nicht automatische, aber freiwillige und durchdachte Disziplin, die vollständig in Einklang steht mit der Freiheit der Individuen, immer notwendig ist und bleiben wird. Es ist die alte Geschichte: Macht korrumpiert selbst die Intelligentesten und Hingebendsten. Männer wie Marx, Engels und einige andere sind gewiss der Sache ergeben und intelligent. Nun hat aber jede Medaille ihre Rückseite, jedes Licht seinen Schatten, und jeder Mensch hat seine Fehler. Das Übel liegt in dem Suchen nach der Macht, in der Liebe nach Herrschaft, dem Durst nach Autorität, und Marx ist tief von diesem Übel durchseucht."

(Werke 1, S. 9)

(Werke 3, S.205)

(Werke 3, S.206)

 

(Werke 3, S.207)

Engels: "Es ist absurd, vom Prinzip der Autorität als von einem absolut schlechten und vom Prinzip der Autonomie als einem absolut guten Prinzip zu reden. Autorität und Autonomie sind relative Dinge."

(MEW 18, S.307)

Bakunin: "Die ganze jüdische Welt steht heute zum grossen Teil einerseits Marx, andererseits Rothschild zur Verfügung. Ich bin sicher, dass die Rothschild die Verdienste von Marx schätzen, und dass Marx instinktive Anziehung und grossen Respekt für Rothschild empfindet.

(Werke 3, S.209)

Marx: "Schülerhafte Eselei!"

(MEW 18, S.633)

Bakunin: "Dies mag sonderbar erscheinen. Was kann es zwischen dem Kommunismus und der Grossbank gemeinsames geben? 0! der Kommunismus von Marx will die mächtige staatliche Zentralisation, und wo es eine solche gibt, muss heutzutage unvermeidlich eine zentrale Staatsbank bestehen."

(Werke 3, S.209)

Marx: "Asine! Dies demokratische Gekohl, politische Faselei!

(MEW 18, S.635)

Engels: "Solch' ein Meisterwerk kritisiert man nicht. Man verdürbe sich den Spass an seiner Fratzenhaftigkeit. Man nähme auch diesen amorphischen All-Zerstörer viel zu ernst."

(MEW 18, S.431)

Guillaume: "Sie waren in Ihren eigenen Augen eine Art Regierung geworden, und so war es nur natürlich, dass Ihre eigenen Ideen Ihnen als die offizielle Theorie erschienen; dagegen erschienen Ihnen in anderen Gruppen geäusserte abweichende Ideen als eine wahre Ketzerei!" (in: Bakunin, Ges. Werke, Bd. 3, S. 167)

Bakunin: "Sie glauben, dass die Soziologie der Ausgangspunkt der Revolutionen und der sozialen Veränderungen sein wird. Und weil das Denken, die Theorie und die Wissenschaft nur einigen zugänglich sind, kommen Sie notwendigerweise zu dem Schluss, dass es die Aufgabe dieser Handvoll Leute ist, das soziale Leben als     Anstifter und Anführer der Volksbewegung zu leiten. Wir suchen dieses Ideal in den Reihen des Volkes, denn wir sind davon überzeugt, dass die Volksmassen in ihren, im Laufe der Geschichte mehr oder weniger entwickelten Instinkten, in ihren täglichen Bedürfnissen und ihrem bewussten oder unbewussten Streben alle Elemente einer zukünftigen harmonischen Organisation bergen."

(M. Bakunin, Staatlichkeit und Anarchie, Berlin 1972, S.178 f. )

Marx: "Aber hier kommt der innerste Gedanke des Herrn Bakunin heraus. Er versteht absolut nichts von sozialer Revolution, nur die politischen Phrasen davon; die ökonomischen Bedingungen derselben existieren nicht für ihn. Der Wille, nicht die ökonomischen Bedingungen, ist die Grundlage seiner sozialen Revolution." (MEW 18, S. 633 f.)

Engels: "Wenn der Mensch mit Hilfe der Wissenschaft und des Erfindergenies sich die Naturkräfte unterworfen hat, so rächen diese sich an ihm, indem sie ihn, in dem Masse, wie er sie in seinen Dienst stellt, einem wahren Despotismus unterwerfen, der von aller sozialen Organisation unabhängig ist. Die Autorität in der Grossindustrie abschaffen wollen, bedeutet die Industrie selber abschaffen wollen. Wenn die Autonomisten sich damit begnügten, zu sagen, dass die soziale Organisation der Zukunft die Autorität einzig und allein auf jene Grenzen beschränken wird, in denen die Produktionsbedingungen sie unvermeidlich machen, so könnte man sich verständigen. Aber die Antiautoritarier fordern, dass der autoritäre politische Staat auf einen Schlag abgeschafft werde, bevor noch die sozialen Bedingungen vernichtet sind, die ihn haben entstehen lassen."

(MEW 18, S.306ff.)

Bakunin: "Der Marxschen Theorie zufolge soll das Volk nicht nur den Staat nicht zerstören, sondern im Gegenteil ihn festigen, ihn noch mächtiger machen. Man sollte also, um die Massen des Volkes zu befreien, damit beginnen, sie zu unterjochen. Wir verstehen die Revolution im Sinne der Entfesselung dessen, was man heute die bösen Leidenschaften nennt. Die Volksrevolution wird nicht zögern, sich zu organisieren, aber es wird seine revolutionäre Organisation von unten nach oben und von der Peripherie zum Zentrum nach dem Prinzip der Freiheit vornehmen."

(Staatlichkeit u. Anarchie, S. 238)
(Ebda., S. 235)

(Werke 3, S. 87f.)

Marx: "Dieselben Männer, die den Generalrat des Autoritarismus beschuldigen streben danach, der Internationale  die persönlichen und orthodoxen Doktrinen Bakunins aufzuzwingen. Während sie verlangen, dass die Internationale von unten nach oben organisiert werden solle, unterwerfen sie sich selber als Mitglieder der Allianz unterwürfig dem Befehl, der ihnen von oben nach unten erteilt wird. Wir haben also alle Elemente des 'Autoritätsstaates' aufs schönste wieder hergestellt, und es macht nichts aus, wenn wir diese Maschine 'von unten herauf organisierte revolutionäre Kommune nennen. Mögen die Führer der Allianz also über Denunziation schreien. Wir denunzieren sie der Verachtung der Arbeiter und dem Wohlwollen der Regierungen, denen sie so gute Dienste geleistet haben, indem sie die proletarische Bewegung desorganisierten."

(MEW 18, S.117)

(MEW 18, S.345)

(MEW 18, S. 334)

Bakunin: "So also versteht man im Generalrat von London die Gerechtigkeit, Wahrheit und Moral, die nach den Erwägungsgründen unserer allgemeinen Statuten die Grundlagen aller kollektiven und individuellen Beziehungen in der Internationalen Arbeiterassoziation bilden sollen? Ach, Herr Karl Marx, es ist leichter, sie an die Spitze eines Programms zu stellen, als sie auszuüben!"

(Werke 3, S.220)

 

 

Hier endet das Protokoll. Und wenn sie nicht gestorben wären, stritten sie sich heute noch. An ihrer Stelle tun’s nun andere.

 

Ruedi Brassel

 

 

 

Diese Collage wurde erstmals im Juni 1979 in den "Historiker Blättern" der  Universität Basel veröffentlicht.